Tere,
päris lahe et sa Eestisse tulla tahad

ich bin im moment gerade mit YFU in Estland. Es war und ist nicht immer einfach, aber ich habe es in diesen bisher 6 1/2 monaten noch nie, wirklich nie, bereut gekommen zu sein.
zur sprache: meiner meinung nach absolut kein problem, ihr macht euch viel zu viele sorgen darum. erstens ist das englisch-niveau bei jungen leuten einfach unglaublich (generell je jünger, desto besser), und zweitens ist die sprache viiiel leichter als sie auf den ersten blick aussieht. (zugegeben, die gram. ist kompliziert, ich werde sie wohl auch nie perfekt erlernen, aber ich hab mich bis jetzt jedenfalls immer verständigen können ohne ein einziges mal ein grammatikbuch angeschaut zu haben!).. es empfiehlt sich, mit den esten so schnell wie möglich auch wirklich estnisch zu sprechen, sie freuen sich meistens wahnsinnig wenn sie sehen dass jemand "ausländisches" ihre sprache lernt. manchmal, besonders anfangs, wird man bei mangelnded estnisch-kentnissen auch auf russisch angesprochen - ist bisweilen ziemlich verwirrend und lustig :-p
weiter: ja, das wetter ist bisweilen deprimierend, vorallem im november/dezember, wenn es dunkel ist und sowieso irgendwie "depressions-zeit". es gibt aber auch wunderschöne wintertage, glitzernde eiszapfen und langlauf in tief verschneiten, wunderschön ruhigen estnischen wäldern... und im moment sind wir sozusagen eingeschneit und ich bin zu meinen gastgrosseltern geflüchtet, weil meine eltern in tallinn steckengeblieben sind und wegen des ganzen schnees nicht nach hause kommen konnten...
was mich aber manchmal mehr deprimiert(e) als das wetter ist die introvertiertheit der menschen, v.a. eben im winter.. das heisst, dass man schief angeschaut wird wenn man z.b. auf der strasse lächelt oder singt oder im bus zu laut spricht (busfahrten in estland sind ein thema für sich).. ABER (grosses aber) sobald man jemanden näher kennenlernt wird er/sie höchstwarscheinlich sehr, sehr nett zu dir sein und sich unglaublich freuen dass du dich für ihr land interessierst; und wenn du auch noch estnisch sprichst, wow!
die gastfreundlichkeit ist auch wirklich unglaublich, ich könnte nicht sagen wie viele male ich schon bei irgendwelchen über-sieben-ecken-bekannten eine gute mahlzeit, ein warmes bett, und "offene herzen" bekommen habe ! (bzw, ich habe sie als sieben-ecken-bekannte getroffen und als freunde verlassen, mit der versprechung wiederzukommen...)

Estland ist soweit ich weiss das reichtste der ehemaligen sowjet-republiken, und anfangs fällt es schon auf, dass estland ärmer ist (halt heruntergekommene gebäude, wacklige tische in der schule und so), ich habe mich an all das sehr schnell gewöhnt - was mir mehr mühe macht ist selbstverständlichkeit, mit der die armut der ärmsten hier hingenommen wird; leute, die man erst bei näherem hinschauen entdeckt, die in alten, verlassenen fabrikgebäuden wohnen, die in abfalleimern fischen, die an einer strassenecke mit zwei plastiktüten und einer vodka-flasche frieren.. über die wird sozusagen nicht gesprochen. was ich auch schon gehört habe (von esten) "das problem der obdachlosen löst sich von selbst, im winter erfrieren sie alle. deshalb gibt es in estland nicht viele." -- ich habe mit solchen leuten überhaupt nie kontakt gehabt, und in eine sehr arme gastfamilie kann man sozusagen nicht kommen, weil die sich einfach kein zusätzliches familienmitglied leisten können... wie gesagt: ich habe manchmal das gefühl, das sind "unsichtbare" leute. und so viele sind es auch nicht.
... schule ist strenger und lockerer zugleich. die meisten esten sind, so scheint es mir, lernwütig, schule wird ernstgenommen; andererseits ist zu-spät-kommen ganz ok, und mit handys wird auch in der stunde telefoniert.. die beziehung zu den lehrern ist sehr schön: respektvoll, aber irgendwie sehr freundschaftlich. einige lehrer dürfen wir auch duzen, und über lehrer wird ganz selbstverständlich nicht gelästert (musste ich auch zuerst lernen). die lehrerin (es gibt fast nur lehrerinnen): dein freund und helfer, nicht dein feind und peiniger. wirklich schön! ... das unterrichtsniveau ist durchaus gut, aber du musst damit rechnen dass du im ersten halben jahr wegen der sprache nicht wirklich mitarbeiten kannst - wenn du wirklich willst, ists möglich, aber es ist halt die doppelte arbeit. ich machs mir da leicht und lerne nicht allzuviel, aber ich wiederhole dann zuhause auch.
noch etwas tolles hier: die esten sind spontan und verrückt, man plant nie was, und so weiss man auch nie was am nächsten tag passiert.. kann verunsichernd sein, aber unterdessen würde ich nicht mehr anders leben wollen. jeder tag steckt voller überraschungen

...jah, ich könnte ewigs schreiben... ich hoffe ich hab dich motiviert, hab dieses forum nur durch zufall gefunden und komme warscheinlich nicht nochmals - aber jedenfalls köige head (alles gute)! lass dich nicht abschrecken, come to estonia and go crazy *hehe*